Die Via Jacobi führt in der Schweiz vom Bodensee nach Genf. Sie ist Teil des Europäischen Jakobswegs und ist gesäumt von Klostern und Kapellen. Auf historischen Wegen führt der Weg durch abwechslungsreiche Kulturlandschaften.

Ich bin auf die Via Jacobi aufmerksam geworden, weil der E1 vom Bodensee bis zum Vierwadstädtersee gemeinsam mit der Via Jacobi verläuft. Aufgrund der Reisebeschränkungen in Deutschland entstand der Plan, stattdessen die Via Jacobi von der französischen Grenze bei Genf bis an den Vierwaldstädtersee quasi entgegen der vorgesehenen Richtung zu erwandern und dann vom Bodensee bis zum Vierwadstädtersee die Schweiz-Durchquerung abzuschliessen.

Auf der Karte finden sich die Etappen, die ich bereits gewandert bin - die Tourenbeschreibungen befinden sich weiter unten. 

Etappen Länge Auf Ab
33 705.6 km 16525 Hm 16539 Hm

5B6D99F5-4F6C-4926-87DF-19A339522BC6Schwyz, 24.06.2021

Bis auf die Tatsache, dass eine enorm lästige Fliege meint, die Nachtruhe schon um fünf Uhr beenden zu müssen und mein Gesicht als Landeplatz nutzen zu können, gibt es nichts auszusetzen. Dieses blöde Vieh lässt sich einfach nicht verscheuchen. Nachdem ich zwei, drei ziemliche Backpfeifen kassiert habe, bin ich richtig wach. Draußen ist schönstes Wetter. (Gestern Abend hat es noch kräftig geregnet)
Ich bleibe noch etwas liegen, geniesse sie Aussicht und mache mich dann fertig.
Gut, dass ich die schöne Aussicht aus dem Schlafzimmerfenster schon genossen habe, denn als ich um viertel vor Acht losgehe, haben sich schon Wolken vor die Berge geschoben. Über und hinter mir hängen jetzt dunkle Regenwolken. Das sieht vielversprechend aus!
Im Coop hole ich mir schnell ein trockenes Brötchen, etwas Milch und eine Banane zum Frühstück.
Im Ortsteil Ibach wandere ich am Haupt- und Gründungssitz der Firma Victorinox vorbei. Hierher stammt also das Produkt, welches wirklich jeder mit der Schweiz verbindet: das Schweizer Taschenmesser. (Fun-Fact: Obwohl es „Swiss Army Knife“ heisst, gehörte es nie zur Ausrüstung der Schweizer Armee)
An einer Panormatafel bei der Zahnwehkapelle nehme ich einen kurzen Soll-/Ist-Abgleich vor (siehe Bild). Hmmm… deutliche Differenzen erkennbar - aber immerhin habe ich keine Zahnschmerzen und bisher regnet es auch noch nicht.
Weiter geht es zum Kloster Ingenbohl welches kurz vor Brunnen leicht erhöht liegt. Für mich gibt es hier nichts zu sehen, so dass ich meine Aufmerksamkeit weiter der schmalen Straße schenke, um nicht von einem der vielen LKWs, die ins nahegelegene, laut ratternde Kieswerk fahren, touchiert zu werden.
Ich erreiche Brunnen, gehe für das Mittagessen einkaufen (aufgrund des Wetters nur Dinge, die man im Gehen essen kann) und gehe bis zur Bootsanlegestelle. Hiermit beende ich offiziell die Durchquerung der Schweiz auf dem Jakobsweg/ViaJacobi auf der Route Genf - Kreuzlingen. Weiter geht es nun (nur noch) auf dem E1.


Mein E1 - Tourbeschreibung


Den Track des heutigen Tages in der Dokumentation ViaJacobi werde ich bei Gelegenheit bereinigen und in Brunnen enden lassen.

Länge Auf Ab
22.2 km 651 Hm 728 Hm

5FE70E38-6A35-4BD7-8DAD-1E1CD4476FA9Einsiedeln, 23.06.2021

Es war sehr ruhig letzte Nacht. Außer den Glockenschlägen des nahen Klosters war nichts zu hören. Da ich sehr früh schlafen gegangen bin, konnte ich etwas Schlaf nachholen und fühle mich ganz ok, aber dennoch nicht super-fit.
Der Himmel ist eine Mischung aus stahlgrau in der einen Himmelsrichtung und blau mit Flockenwolken in der anderen. Aber es ist trocken und mit 15 Grad angenehm kühl.
Das Frühstück ist ok und ich bemerke, dass ich langsam keinen harten, rucksacktauglichen Käse mehr sehen mag. Aber ein Stück frisches Brot mit Butter ist ja auch lecker. Dabei beobachte ich einen Mann mit überdimensionalen Hund. Da bekommt der Begriff „Herrchen“ eine neue Bedeutung.
Gestern konnte ich nach etwas Diskussion auch die Hotelangestellte überzeugen, dass das Frühstück im Preis inbegriffen ist. Man mag von booking halten, was man will - aber da ist mindestens alles klar geregelt.
Zum Abschied von Einsiedeln muss ich nochmal kurz in die Klosterkirche schauen, um meine Eindrücke aufzufrischen. Dann wandere ich los.
Vorbei am Kloster Au geht geht es entlang der Alp das Alptal hinauf.
Heute habe ich sehr wenig Proviant dabei und vertraue darauf, dass ich an einer der Alpen Brot und Käse erstehen kann und zur Not am Haggenegg nicht verhungern werde.
Der Große Mythen, oder eigentlich richtiger “die große Mythe”, denn nach lateinischem Ursprung (meta) bedeutet dies “etwas Aufragendes”, ist Wahrzeichen des Kantons Schwyz und hat es mir echt angetan. Zwei Mal schon hatte ich bereits das Glück, oben stehen zu dürfen. Heute geht es nicht - aber vielleicht ist es mir irgendwann in der Zukunft nochmal vergönnt.
Nach knapp zwei Stunden erreiche ich Alpthal und besuche die Kirche, in der ich auch etwas verweile.
Weiter geht es entlang des Flusses Alp. Das Talende habe ich schon deutlich vor Augen. Vor mir, den Großen Mythen, links daneben das Holzegg. Der kleine Mythen, der viel schwieriger zu besteigen und auch gar nicht durch einen Normalweg erschlossen ist, schiebt sich von rechts in mein Blickfeld. Und rechts daneben muss das Haggenegg liegen - der Pass über den ich das Alptal verlassen möchte. In zwei Stunden soll ich ihn, und damit den höchsten Punkt (1414 m) des Jakobswegs in der Schweiz erreichen.
Ich bin so vom Blick auf den Mythen und den Lärm eines Hubschraubers abgelenkt, dass ich fast die scharfe Abzweigung des Weges nach rechts verpasst hätte. Nun darf ich auf steilem, steinigem Saumpfad gut 400 Höhenmeter zum Haggenegg aufsteigen.
Stoisch arbeite ich mich Schritt für Schritt hinauf und gewinne rasch an Höhe. So langsam nervt der Hubschrauber. Wenn ich das richtig sehe, werden hier Bäume ausgeflogen. Jeweils zwei bis fünf astlose Stämme baumeln am langen Seil unter dem Heli. Das muss doch unglaublich teuer sein?!
Der Anstieg bringt mich zwar ins Schwitzen, aber bei dem Wetter liebe ich das.
Ich habe nur noch etwa hundert Höhenmeter zum Pass und jetzt schieben sich Wolken vor beide Mythen. Auch sonst sieht es am Himmel ziemlich wolkig aus. Mal schauen, was das heute noch gibt.
Ich erreiche das Haggenegg mit Pilgerkapelle und sehe: Nichts! Selbst die Leute auf der Terrasse des vielleicht 50 Meter entfernten Gasthauses kann hören, aber nicht sehen. Obwohl eine Panoramatafel nur 1 Minute neben dem Weg liegen soll, spare ich mir den Weg. 360-Grad Rundumsicht - und in jeder Richtung nur Nebel/Wolke.
Dass ich nur 1:10 h statt 1:50 h gebrauchte habe, überrascht mich doch.
Da ich keine Lust habe, hier oben Rast zu machen, und mir mit meinen nassgeschwitzen Sachen auch kühl wird, nehme ich nur den Rest meines Brötchens und meinen Apfel in die Hand und starte den Abstieg.
Mir steht es ganz bestimmt nicht zu, wegen des Wetters zu jammern! Außerdem könnte es deutlich schlimmer sein.
Zum Glück merke ich schon nach wenigen hundert Metern, dass ich am Haggenegg intuitiv den falschen Weg eingeschlagen habe - nämlich die auf dieser Pass-Seite vorhandene Fahrstrasse. GPS und Karten mit Standortbestimmung sind schon eine tolle Erfindung. Ich drehe also um und nehme den richtigen Weg. Über steile und sehr steile Schotter- und Wurzelpfade geht es hinab.
Als ich nach einiger Zeit eine Teerstrasse erreiche, öffnet sich plötzlich der Blick auf den Vierwaldstättersee. Auch den Lauerzersee kann nehme ich nun erstmals bewusst wahr. Ist das schön!
Am großen, ockergelben Bau des Kollegiums, welches 1856 als Kollgegium „Maria Hilf“ gegründet wurde, wandere ich in das Ortszentrum von Schwyz. Ich bin überrascht, wie früh ich schon da bin. Und ich habe Hunger!
Neben dem mit einem großen Gemälde der Schlacht von Morgarten verzierten Rathaus steht die spätbarocke Pfarrkirche - die ich kurz besichtige. Ich empfinde sie als enorm prunkvoll und lerne später, dass sie die festlichste Pfarrkirche der Schweiz sein soll.
Ein Schild verspricht Pizza und Pasta - genau danach steht mir der Sinn! Als ich beim entsprechenden Restaurant ankomme, muss ich feststellen, dass dieses in meiner Mittagspause selbst Mittagspause macht. Finde ich doof. Es ist nicht mal 14 Uhr! Der Express-Chinese hat auch geschlossen und in einem ansprechend aussehendenCafé ist das reizvolle indische Tagesessen ausverkauft. Hmpf!
Ich flaniere also noch etwas suchend durch das kleine Stadtzentrum und plötzlich sehe ich eine ganze Schar Jugendlicher, die im Kirchgarten sitzen und essen. Da kann die „Lösung“ also nicht weit entfernt sein. Tatsächlich sitze ich wenige Minuten später mit einer gar nicht schlechten Salattasche mit Rösti (Wie Döner - nur mit Rösti-Talern statt Fleisch - gar keine schlechte Erfindung) und Ayran auch in ebenselbem Park. Das tut jetzt gut!
Da die Rezeption meines Hotels erst um 16 Uhr öffnet und (mir) mein Inhalt des Rucksacks zu wertvoll ist, um ihn einfach im Keller zu deponieren, ziehe ich voll bepackt auf einen beschilderten Stadtrundgang los. Da ich momentan auf Zucker achte, fallen all die netten Beschäftigung, mit denen man sich sonst gut die Zeit vertreiben kann, flach. Also z.B. Kuchen oder Eis essen gehen.
Der Rundgang ist ganz nett, aber irgendwie reicht es mir jetzt auch und so lande ich relativ bald wieder auf einer Parkbank - ein (alkoholfreies) Bier habe ich unterwegs auch gefunden. Nebenbei genieße ich die kleinen Annehmlichkeiten eines zivilisierten Landes - nämlich eine benutzbare Toilette am Busbahnhof. Hieran habe ich mich in den letzten drei Wochen sehr gerne gewöhnt!
Ich checke im „Hirschen Backpacker“ ein und gönne mir heute mal den Luxus, meine Wäsche durch eine Maschine waschen zu lassen. Waschen und trocknen für 5 Franken erscheint mir fair. In Einsiedeln hätte der Wäscheservice nur für mein Hemd 8 Franken gekostet. Wenn man das überlegt, habe ich in den letzten drei Wochen hunderte Franken gespart. Die haue ich heute Abend auf den Kopf und esse hier im Haus ein paar Nudeln. Irgendwie passt das eher schlichte Essensangebot eher zu meinen Bedürfnissen.
Die Spaghetti Cinque Pi sind lecker und die Portion so groß, dass ich sie fast nicht schaffe. Auch das Begrüßungs-Bier und der Suure Moscht schmeckt gut. Dazu bekomme ich unvermeidlich auf Grossbild-Leinwand mit, wie die Spanier bei der EM ihren Gegner schlachten.
Fazit: Guter Tagesstart und gutes Ende. Alles Gut!

 


Länge Auf Ab
19.6 km 537 Hm 918 Hm

BBDC7FBF-CCEB-4A82-9D40-4A7701EA2081Hurden, 22.06.2021

Etwas müde bin ich heute, obwohl so zwischen Mitternacht und 4:30 Uhr gar keine Züge fuhren und das Bett gar nicht unbequem war.
Der Sturm gestern Abend tobte noch eine Weile vor sich hin und zog dann über uns hinweg. Dabei gab es nur ganz wenig Regen. Die Servicekraft beim Frühstück meinte, solche Stürme seien nicht sehr selten - so viel tote Insekten wie gestern gäbe es jedoch selten. Sie hat zwar draußen schon wieder alles auf Vordermann gebracht, aber alle Fensterscheiben sind immer noch mit Leichen gepflastert.
Das Frühstücksbüffet ist überschaubar und leider gibt es kein gescheites Brot. Dafür Obst, Haferflocken und frische gemachte Eierspeisen. (Im Gegensatz zum „The Chedi Andermatt“ Luxushotel wo man für die Nacht gerne einen vierstelligen Betrag latzen darf, ist die hier in den 13 Franken für das Frühstück schon mit dabei.)
Das Wetter ist etwas unklar. Grauer Himmel mit dunkelgrauen Wolken und leichter Wind. Heute packe ich die Regensachen ganz nach oben in den Rucksack. Und ob ich den direkten Weg nach Einsiedeln gehe, oder den längeren, alten und angeblich schöneren Weg (über das Stöcklichrüz - 1246 m) , entscheide ich am Etelpass.
In der Apotheke kaufe ich eine (bzw. zwei) Mini-Tuben Zahnpasta. Nach Sonnencreme ist Zahnpasta das zweite Verbrauchsmaterial, was mir ausgeht. Ich würde das gar nicht erwähnen, aber ich fand spannend, dass man sich hier (nach Registrierung beim Kanton) in der Apotheke impfen lassen kann. Übrigens mit Moderna. Gegen FSME impft die Apotheke übrigens auch.
Der Weg den Etzel hinauf gefällt mir gut. Wurzelig, mit ein paar Stufen und zunehmend durch die ruhige, friedliche Natur. Es fängt kurz an zu tröpfeln - hört aber gleich wieder auf. Insgesamt versprechen die Wolken am Himmel wenig Gutes. Unterwegs komme ich an der Unterstandshütte Gruebi vorbei. Schön gebaut und super in Schuss gehalten. Ich versuche mich daran, das Gedicht zu verstehen und verewige mich im Hüttenbuch.
Zwei Stunden nach Start erreiche ich den Pass mit Kapelle und Gasthaus St. Meinrad. (Auf den heiligen Meinrad geht übrigens Einsiedeln zurück). Kurz unterhalb der Passhöhe, konnte ich neben Panzersperren auch noch einen Bunker nebst Infotafel „bewundern“. Von einer Reduit-Nordfront hatte ich noch nie gehört und bin dankbar für die vielen friedlichen Jahre, in denen ich leben durfte. Möge das so bleiben!
(Wer Gänsehaut braucht, der lese mal den Artikel „Schweizer Réduit“ bei Wiki - hochinteressant!)
Gerade entscheide ich mich, den kurzen Weg zu gehen und das Stöcklichrüz auszulassen (macht bei dem Wetter keinen Sinn) und besichtige die Kapelle, als es anfängt, zu regnen.
Auch nach einer Viertelstunde in der Kapelle, in der ich ihre Geschichte ausreichend studiert habe, ist es draußen kühl und regnet ausgiebig. Ich beschließe, nun doch meine Regensachen anzuziehen und weiterzuwandern.
Vorbei am Geburtsort von Parcelsus wandere ich über die Tüfelsbrugg - einem beachtlichen Bauwerk mit Ursprüngen im 12. Jahrhundert, das über die Siehl führt. Gerade als ich sie überqueren möchte, kommt ein fetter Maserati angefahren, den ich gerne vorlasse. Er tastet sich mehr hinüber - es ist so eng, dass die Parksensoren ansprechen. Ein Karren mit vierbeinigem Esel, wofür die Brücke mal gebaut wurde, hätte da weniger Probleme.
Über Wiesen und Weiden geht es auf den nächsten Hügel. Ich versuche, mich mit meinem Poncho und Regenhose nicht zu schnell zu bewegen - bin aber dennoch pitschnass geschwitzt. Einmal muss ich über eine Weide mit Kühen, die heute anders reagieren, als sonst - oder ist das Einbildung? Besonders seltsam ist ein Rindvieh ohne Euter. Mit meinem roten Poncho hat das sowas von Torero. In respektvoller Distanz und den Fluchtweg im Blick erreiche ich heil das nächste Drehkreuz und bin erleichtert.
Nachdem ich eine gute Stunde durch den Regen getapst bin, hört er auf und der Himmel vor mir wird freundlicher. Von den Hügeln und Bergen ist dennoch nicht viel zu sehen. Ein Blick zurück, wo ich den Etzel wähne, offenbart nur dunkelgraue Wolken. Oh weia. Ich bin froh, dass ich mich für die kurze Strecke entschieden habe - das war vernünftig.
Der Siehlsee mit dem Steg, den ich gerne überquert hätte, kommt in Sicht und unweit daneben Einsiedeln. Da will ich hin.
Als ich in Einsiedeln die Klosteranlage erreiche, erschlägt sie mich durch ihre schiere Größe. Obwohl ich schon einmal hier war! Die Ställe, die angeblich sehenswert sind, sind wegen COVID gesperrt. Der riesige Platz vor dem Kloster wird und wurde gerade neu gepflastert. Ich betrete die Klosterkirche und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich bin tief beeindruckt, aber diese Pracht zu beschreiben, ist mir einfach unmöglich. (Fotografieren ist leider verboten)
Da ich ziemlich nass bin und mir auch kalt wird, suche ich das Hotel auf.
Ich bin heute total geschafft - ich verstehe gar nicht, warum. Also Ruhe ich mich nach dem Duschen/Wäschewaschen erstmal aus.
Ich spiele sogar kurz mit dem Gedanken, die (kostenpflichtige) Sauna aufzusuchen, aber als ich interessehalber mal nachfrage, sagt man mir, dass diese gerade von einer Gruppe Frauen gebucht sei. Seltsam! Da ich sowieso unschlüssig bin, lasse ich das auf sich beruhen, aber ein seltsames Gefühl bleibt zurück. Seit wann kann man den Wellnessbereich eines Hotels exklusiv buchen? Dafür, dass Einsiedeln DER Wallfahrtsort der Schweiz ist, werde ich, als ich mit Rucksack, Poncho und Wanderschuhen ins Hotel einlaufe, eher distanziert behandelt. Anders gesagt: der Respekt und die Anerkennung, hier (vielleicht) einen echten Pilger/Wallfahrer vor sich zu haben, wird gut verborgen. Das war in Fischingen und fast allen bisherigen Unterkünften anders. (Da hatte es auch nicht geregnet)
In einer Regenpause schlendere ich nochmal durch die Stadt - allzu groß wird die Runde nicht, da es wieder weiterregnen möchte.

Länge Auf Ab
13.7 km 679 Hm 184 Hm

1A491C51-470D-4693-B3DB-4DC6DD0CCDBAFischingen, 21.06.2021

Ich habe himmlisch gut geschlafen und fühle mich völlig erholt, obwohl auch nachts die Glocken jede Viertelstunde schlugen. Das Bett war so traumhaft bequem und in der Zelle war es so angenehm kühl und still.
Der heutige Tag wird von der 21 geprägt. 21. Hochzeitstag am 21. Juni im Jahre 2021. Ein Fest für Numerologen. Derweil macht meine Frau dort Urlaub, wo es garantiert keine Berge gibt. Und oft auch kein Meer. Watt? Genau! An der Nordsee.
Beim Frühstück bin ich alleine und erfreue mich vor allem des Kloster-Früchtebrots. Dazu ein Spicy-Chai und der Tag kann beginnen!
Bei strahlend blauem Himmel, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen kann und Sonnenschein ziehe ich um halb neun los.
Auf schönen Wurzelpfaden im Wechsel mit breiten Schotterwegen geht es hinauf.
Ein Landwirt sorgt für die die würzige Landluft. Allerdings kommt die Gülle, die fein versprüht wird, nicht aus einem Güllewagen, wie ich das kenne, sondern aus einem gaaanz langen Schlauch, der irgendwo neben der Straße im Boden verschwindet. Quasi eine Gülle-Pipeline. Interessant! Besser riechen tut‘s dennoch nicht.
Nach gut eineinhalb Stunden habe ich den Hörnli-Gipfel (1132 m) mit seiner Triangulationspyramide erreicht und damit im Drei-Kantons-Eck den Kanton Zürich erreicht, den ich heute Abend am Zürichsee wieder zu verlassen gedenke.
Da der Hörnli-Wirt irgendwie von meinen Wanderplänen Wind bekommen haben muss, hat er seit letztem Monat den Ruhetag auf Montag gelegt. Im Gegenzug nutze ich nun eines seiner Bänklein, auf denen Picknick explizit verboten ist. Quid pro quo!
Nicht unbedingt knieschonend geht es hinunter nach Steg im Tösstal, wo ich meine Flasche wieder am Brunnen füllen kann. Hier gäbe es sogar einen ansprechenden Laden mit Brötchen und Snacks, aber ich muss noch weiter, bevor ich Mittagspause machen darf.
Bis nach Gibswil verläuft der breite Weg mal entlang der Straße - mal entlang der Bahnlinie. Abwechslung muss sein. Im Volg erstehe ich Salat und Obst und ein paar Gemüsebällchen zum Mittag. Für die verbleibenden zwanzig Kilometer möchte ich keinen Kohldampf schieben.
Im Osten brauen sich immer dunklere Wolken zusammen. Was das wohl noch geben wird?
Der Weg zieht sich nun an der rechten Hangseite nach oben und ich darf dort auf kleinen Sträßchen und Wegen entlangwandern und ins Tal schauen. Das ist abwechslungsreich und macht mehr Spaß.
Nach der x-ten Kuppe beginnen meine Augen zu strahlen. Ich kann plötzlich den Zürichsee sehen. Mit Damm, auf dem mein Tagesziel Hurden liegt. Und sogar die Mythen zeigen sich. Ich freue mich so! Ist aber noch ein gutes Stück bis dorthin.
Vor Rüti führt der Weg hinab zum Fluss Jona und überquert diesen um dann auf der anderen Seite wieder hinaufzuführen und mich auf Waldwegen meinem Ziel näher zu bringen. Als ich mich von einem schwyzerdütschen Spruch auf einer Bank überreden lasse, einen Pause zu machen, ist es eigentlich zu spät. Ich bin die ganze Zeit seit Mittag ohne Trinkpause durchgegangen. Unvernünftig! Um so besser geht es mir jetzt und besonders, als zehn Minuten später auch noch ein Brunnen kommt. Mit bellendem Hund zwar, aber der will nur gestreichelt werden.
Dank der dunklen Wolken über mir brennt die Sonne nicht mehr und es ist unglaublich drückend. Das gibt doch sicher noch ein Gewitter! Noch zehn Kilometer - mal sehen.
Schon kurz darauf fallen die ersten Tropfen und ich hülle mich in meinen Poncho. Ich bin zwar nicht aus Zucker, aber wenn ich warte, bis der Starkregen einsetzt, ist es zu spät. Fünf Minuten später hört es wieder auf. Wie bisher jedes Mal.
In Rapperswil besuche ich noch Schloss und Kirche. Danach geht es auf dem Holzsteg nach Hurden. Es ist schon etwas besonderes, über den Zürichsee zu laufen, zumal der Steg aus senkrecht stehenden Latten besteht, so dass man hindurchschauen kann. Auf einer Seite ist eine Holzwand - auf der anderen Seite nichts außer ein paar dünnen Drahtseilen. (Warum es die Holzwand braucht, erschließt sich mir im Verlauf des Abends noch). Der Autoverkehr verläuft auf dem Damm. Schon seit jeher versuchen die Menschen, die natürliche Seeenge die durch eine Gletschermuräne entstanden ist, zu überqueren. Mindestens seit dem 14. Jahrhundert gibt es hier eine Holzbrücke. (Allerdings ohne Geländer und mit lose aufliegenden Holzbohlen)
Das letzte Stück zieht sich - dabei habe ich den Berg Etzel fest im Blick, dessen Pass ich morgen überqueren möchte. Endlich ist das Ziel erreicht!
Ich checke semi-freundlich bedient im Gasthof Seefeld, der auf dem Damm zwischen Hauptstraße und Bahnlinie eingequetscht liegt, ein. Mein Zimmer hat Blick auf die Bahnlinie.
Eineinhalb Stunden nach meiner Ankunft braut sich ein grandioses Gewitter zusammen. Es fängt an, wie wild zu stürmen, die Gartenterrasse wurde schlagartig geräumt. Das Servicepersonal fängt in Windeseile an, Tische und Stühle, sowie Blumenkübel, die sich gerade selbstständig machen, einzufangen und windgeschützt abzustellen. Die machen das nicht zum ersten Mal.
Auf dem See gibt es nun Wellen, das dunkle Grün hat sich in ein Hellgrün verwandelt. Die Leuchtsignale sind auf Sturmwarnung (90 x pro Minute) eingestellt und die Regenfront kommt näher. (Leider kann ich keine Fotos machen, denn durch geschlossenes Fenster mit Fliegengitter wird das nichts. Und ich hatte gerade meine Not, das Fenster gegen den Sturm zu schließen. Das mache ich sicher nicht mehr auf!).
Sollte ich nicht weggeweht werden, gibt es mit dem morgigen Bericht ein Update.
Fazit: Ein langer Tag mit viel zu viel Teerstrasse, einem schönen Gipfel und einem eindrucksvollen Naturschauspiel.

Länge Auf Ab
35.2 km 739 Hm 949 Hm

7D27566E-618C-4A21-8FEF-BF1EC836F731Amlikon-Bissegg, 20.06.2021

Die Nacht in der „Alten Post“ ist sehr heiss und nur dank des Ventilators erträglich. Es muss auch etwas geregnet haben, denn am Morgen ist alles nass und es ist etwas kühler. Frau Zurbuchen präsentiert ein reichhaltiges Frühstück in ihrem Wohnhaus und ist sehr nett. Ich lerne auch den „Radler“ Samuel kennen, der irgendwann nachts in dem anderen Zimmer eingecheckt ist. Ein toller Kerl aus Lausanne, mit dem ich mich auch gerne noch länger unterhalten hätte. Gute Gespräche sind sowieso etwas, was mir die letzten Tage abgegangen ist. Aber auch so ist es schon zehn Uhr, als ich losgehe.
Über Nebenstraßen und Feldwege erreiche ich Affeltrangen. Dort freue ich mich gemeinsam mit ein paar Kälbchen über einen Brunnen mit frischem Wasser. Ich darf weiterziehen, die süßen Kälbchen müssen bleiben.
Da es heute bedeckt ist, sticht die Sonne nicht so sehr wie die letzten Tage.
Von Münchwilen aus kann ich das Hörnli sehen. Den Berg, den es morgen zu überschreiten gilt und der in jedem Beschrieb explizit erwähnt wird. Allein, mir fehlt die Ehrfurcht. Noch.
An vielen Bauernhöfen bin ich heute schon vorbeigekommen und viele Kühe habe ich gesehen. Immer nur im Stall. Nie auf der Weide. Ist das, weil Sonntag ist? Sind das die glücklichen Thurgauer Kühe? Ich verstehe das nicht.
In Münchwiler geht es entlang der Murg (hat nichts mit der schwarzwälder Murg zu tun) nach Sirnach, wo ich endlich am geschlossen Restaurant Säge unter einer uralten Linde Mittagsrast mache. Leider sieht es gerade nicht so gut aus mit dem Wassernachschub.
Weiter geht es mit viel Teerstrasse. Erst kurz vor Oberwangen mal ein Stück Waldweg. Eigentlich nichts besonderes, aber heute schon. Wie sehr freue ich mich über den Brunnen in Oberwangen! Richtig satttrinken und abkühlen vor dem letzten Stück bis Fischingen. Sooo typisch - die ganze Zeit gibt es kein Wasser - und jetzt gleich vier Brunnen in einem Ort.
Auf die letzten paar Kilometer versucht sich der Weg mit mir zu versöhnen - ein schöner Wurzelpfad führt nun auf einen Hügel und wieder hinunter und schon ist Fischingen ist erreicht. Am Ende des Dorfes thront das Kloster und dahinter ist wieder das Hörnli mit doch über 1000 Metern Höhe zu erblicken.
Mit Glockenschlag 16 Uhr bin ich da. Was sehen meine vertrockneten Augen? Es gibt eine Klosterbrauerei, die sogar noch geöffnet hat. Schnell mal schauen. Wäre ich früher dagewesen, hätte ich auch noch eine Verkostung machen können. Aber da um 16 Uhr geschlossen wird, bleibt mir, einen 4er-Pack gemischtes Gebräu zu erstehen. Der Abend ist noch lang - und wenn ich so in mich reinfühle, bin ich nicht nur leicht dehydriert, sondern definitiv unterhopft. Dem muss entgegengewirkt werden. (Bin gespannt - normalerweise trinke ich nur alkoholfrei. Sind ja zum Glück kleine Fläschchen)
Beim Check-in ins Kloster-Hotel schiebt mir die Dame zum Abschluss den Schlüssel rüber und ich lese „Andreas“ - und staune nicht schlecht. Personalisierte Schlüsselanhänger? Das habe ich ja noch nie gesehen. Sie sagt dann „Sie sind im Zimmer ‚Andreas‘ im zweiten Stock“ und ich lache los…
Sie schaut erst verwundert - blickt dann auf den Anmeldebogen - und dann dämmert es ihr auch. Tja - ist halt prima, wenn man nicht Kevin oder Justin heißt.
Ich finde den Weg durch das riesige Klostergebäude und betrete meine überraschend große Zelle mit eingebautem Nassbereich. Schlicht. Hochwertig. Still. Kühl.
Mangels Alternativen habe ich mich dazu hinreißen lassen, mich auf das 3-Gänge-Menü einbuchen zu lassen. Ich werfe mich also in Schale (Zweitgarnitur) und bemerke, wie ungewohnt sich eine lange Hose anfühlt.
Im Restaurant sind nur drei Gäste und ich kann meinen 3-Gang-Wunsch einfach revidieren und so bekomme ich zu dem leckeren Brot mit Creme einen fabelhaft angemachten gemischten Salat mit Nüssen und Kernen und danach einen mit Gemüse gefüllten Crepe/Wrap mit leckerer Soße. Richtig fein! Den Nachtisch (3. Gang: Obstsalat mit Sorbet) lasse ich zuckerbedingt sehr gerne ausfallen. Während wir essen, geht draußen ein unglaublicher Gewitterregen nieder, der nach zehn Minuten vorbei ist. Kurz darauf kommen vier (deutsche) Tages-Wanderer, die man erwartet, aber inzwischen abgeschrieben hatte, recht verdreckt und teilweise nass rein. Sie waren vom Wetter überrascht worden und mussten sich unterstellen….
Die Ankunft dieser Leute beendet leider das Gespräch, was ich quer durch den Raum mit den beiden anderen Gästen geführt hatte, ein älteres Ehepaar, das aus Luzern kommt und derzeit hier e-Bike fährt.
Nachdem nun die Grundlage für meine Bierverkostung gelegt ist, schreite ich frohen Mutes voran - unter Studium der Bier-Broschüre. Mann ist das kompliziert für jemanden, der bisher nur Weizen und „Normal“ kennt, sowie mit/ohne Alkohol.
Ich merke bald, dass ich mich heillos überschätzt habe und ein Rest übrig bleiben wird. Ich will ja morgen weiterwandern! Egal! Manchmal muss man auch mal was spontan entscheiden. Dauer-Zaudern ist auch Mist.

Fazit:
-Viel gelernt heute!
-Wer gerne ein Kräuter-Entspannungsbad nimmt, sollte mal das Pilgrim Waldbier versuchen. Das schmeckt so. (Nach zwei Schlucken zum Probieren hat das dann nicht „in meine Bauchnabel“ geprickelt, sondern im Ausguss. Schade drum, aber geht für mich gar nicht).

Länge Auf Ab
24.7 km 431 Hm 243 Hm

CE9D53FC-4A1D-4B76-8BF9-1FAEB32AA80DKreuzlingen, 19.06.2021

Die Nacht verlief ruhiger als erwartet. Falls laute Partys stattfanden, so habe ich sie verschlafen. Insgesamt war die Hitze der Nacht sehr schweißtreibend und so begebe ich mich erst nach einer kalten Dusche zum Frühstück. Es gibt sehr gutes Brot und das erste Mal sehe ich Rührei. Das muss an der grenznahen Lage liegen.
Ich lasse es sehr ruhig angehen und daher ist es nach neun Uhr, bevor ich losziehe.
Ich benötige einige Zeit, bis ich etwas Obst und Hummus für den Tag eingekauft habe. Klar, es ist Samstag Morgen. In der Einkaufsstraße erfreuen ich mich an den vielen Kreidebotschaften, die zum Teil sehr kunstvoll auf die Straße gemalt wurden.
Und jetzt gehe ich erstmal zum richtigen Grenzübergang, damit der E1 der Schweiz „offiziell“ starten kann. Was auffällt ist, dass die Menschen viel seltener freundlich zurückgrüssen, als in der Zentralschweiz. Vielleicht hängt das DOCH mit den Bergen zusammen?!
Durch Wohn- und Industriegebiet verlasse ich Kreuzlingen. Bald schon geht es in ein Wäldchen und ich freue mich über den Schatten und das Gezwitscher der Vögel und folge dem Kreuzweg durch den Saubachtobel bis zur Kirche in Bernrain.
Von Ellighausen wandere ich auf Teerstrasse durch die sanft hügelige Landschaft. Entspannung für die Augen. Über ein längeres Stück begleitet mich eine e-Bikerin und erzählt davon, wie sie ihre Tochter von Lungern nach Schwarzenburg auf dem Jakobsweg begleitet hat und wie die Tochter dann alleine weiter nach Santiago ist. (Weil es ihr auf dem Hauptweg (auch) zu voll war, auf dem Camino an der Küste (das müsste der Camino del Norte sein)).
Eigentlich könnte ich sofort aufhören zu arbeiten (bzw. nicht wieder anfangen) und hätte genügend Ideen, wo ich entlangwandern könnte und möchte. Und nochmal „richtig“ und ungeplant durch die Schweiz zu pilgern gehört dazu.
Nach Lippoldswilen darf ich nochmal schön durch den Wald wandern - vorbei an einer Grillstelle am Flüsschen an der die Eltern grillen, während die Kinder im Bach baden.
Im Örtchen Wald ist an einem alten Fachwerk-Hof ein Brunnen und ein Bänklein im Schatten. Prima! Hier und jetzt ist Mittagspause.
Bald darauf folgt ein Hügelchen (vermutlich Wasserreservoir) mit ein paar Bäumen. Eine Bank im Schatten, ein stetes Lüftchen. Hier lege ich mich für eine ganze Weile hin , genieße und döse vor mich hin.
Da ich nun völlig erholt bin und es zum Ziel nicht mehr weit ist, lasse ich mich im nächsten Örtchen dazu überreden, einen Abstecher zur Jakobikirche in Märstetten zu machen. Da es nur 15 Minuten sein sollen, kann das ja nicht sehr welt sein. In Märstetten stehen viele schöne Fachwerkhäuser - auch die Pilgerherberge befindet sich in einem solchen. Die Kirche ist selten schlicht und etwas Besonderes.
Zurück auf dem Weg, darf ich bestaunen, dass auch Erdbeeren im riesigen Folienhäusern gezogen werden. Da muss man sich beim Pflücken gar nicht bücken! Nach wirklich unschöner Straßenberührung folgt zur Versöhnung und zum Abschluss der heutigen Etappe noch ein Waldstück. Nur noch schnell (entlag der Straße) die Thur überqueren und schon bin ich da.
Fun-Fact: ich muss so alt werden, um dann in Amlikon zu sehen, wie Knoblauch angebaut wird! War mir echt unbekannt. Und hier gibt es große Felder voll mit dem Zeug. Brauche ich heute Nacht keine Angst vor Vampiren haben.
Auch in Amlikon-Bisseg ist es unglaublich heiß. Hier wird sogar völlig bekleidet im Dorfbrunnen gebadet. (Da das Kinder sind, lasse ich das mit dem Foto lieber).
Heute verbringe ich das erste Mal eine Nacht in einem B&B. Da ich bei Ankunft noch der einzige Gast bin, ist das mit dem Gemeinschaftsbad sehr entspannt.
Im Dorf gibt es zum Glück einen Dorfladen, der einen an 360 Tagen mit dem Nötigsten versorgt. Und das nur zu leicht höheren Preisen wie ein Coop/Migros. Nachteil des Zimmers ist die Dachschräge, so dass ich nicht im Bett sitzen kann. Und es ist natürlich gut warm - immerhin gibt es einen Ventilator.
Die Fragen des Tages:
-Wie ist das möglich, sich am fast zwanzigsten Tag eine (zum Glück kleine) Blase zu laufen?
-Was war heute im hohen Gras, dass die Waden so einen tollen Ausschlag haben? Naja - wird ja hoffentlich wieder.

Länge Auf Ab
22.2 km 278 Hm 255 Hm

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Brunnen, 18.06.2021

Heute ist ein Reise-Ruhetag. Da ich ja ursprünglich den Fernwanderweg E1 von Pforzheim aus wandern wollte und die ViaJacobi die „Corona-Altenative“ - die ich keinen Moment bereut habe, sondern im Gegenteil sehr froh darüber bin, dass ich das gemacht habe - muss ich morgen in Konstanz/Kreuzlingen starten. Daher fahre ich nach dem ausgiebigen und sehr entspannten Frühstück mit dem Zug und über Zug nach Kreuzlingen am Bodensee (im Kanton Thurgau). Kreuzlingen gehört mit einem Ausländeranteil von 55%(!!) zu den schweizer Städten mit dem höchsten Anteil an Ausländern. (Landesschnitt übrigens 23%)
Aber wo sind hier meine geliebten Berge? Alle weg! Das ist der große Nachteil am schnellen Reisen - man kann sich nicht langsam entwöhnen. Naja - ab morgen geht es ja wieder in Richtig Alpen!
In Kreuzlingen bin ich in der Sportarena untergebracht. Wenn man sich an den Betonwänden des Zweckbaus nicht stört, ist es ein wirklich gutes und gut ausgestattetes Zimmer. Sicher nicht das gleiche Flair, wie in Flüeli-Ranft, aber dafür garantiert ohne störende Dachbalken. Leider ist das WLAN zwar stark, aber das Internet extrem langsam.
Da mein Zimmer nur eine Fußballplatz-Länge vom See entfernt liegt, wage ich sogar ein kurzes Bad im „Schwäbischen Meer“ und bin überrascht, wie warm das Wasser ist. (Zumindest in den paar Metern am Rand, in denen ich schwimme. Da der Bodensee über 250 tief ist, ist das bestimmt nicht überall so.) Heute bin ich sehr froh, dass ich Crocs dabei habe, denn sonst würde ich mich über die glitschigen Steine nicht ins Wasser wagen.
Nachdem ich mich sicherheitshalber abgeduscht habe, schlendere ich noch eine große Runde durch den weitläufigen Seepark.
Laut AppleWatch bin ich heute gut 14 Kilometer unterwegs gewesen, ohne dass ich das eigentlich wollte. Alles in Crocs. Die Füße freuen sich über die viele frische Luft. Dafür zieht es in den Knien. Hoffentlich ist das morgen wieder weg.
Bei der Rückkehr ins Hotel realisiere ich erst, dass die Sportarena unmittelbar an der Grenze liegt - man nennt das hier Klein-Venedig. Und zwar genau an der Stelle, die im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Grenzsperrung durch die Medien ging. (In den Fotos zwei Infotafeln hierzu). Am Strand mit ein paar öffentlichen Grillplätzen ist Party angesagt. Bei dem Wetter am Freitag Abend nicht verwunderlich. Für Musik ist also auch gesorgt!

Hinweis: Wegen Internet-Bandbreiten-Problemen folgen die Fotos später.

 

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Brunnen, 17.06.2021

Es dauerte gestern noch eine Weile, bis bei mir Ruhe einkehrte. Ein Hotel in solch toller, zentraler Lage mit Restaurants und Bars bringt auch einen gewissen Geräuschpegel mit sich. Zudem muss ein Fußballspiel stattgefunden haben, denn als ich noch auf dem Balkon saß, hörte ich „Hopp Schwyz“-Rufe. Dank der Tatsache, dass um 23 Uhr ein Auto-Corso losging, bei dem „Forza Italia“ skandiert wurde, tippe ich auf „Fußball“ (oder Soccer, wie man hier sagen würde) und weiß ich genug über das Spiel (bzw. „den(!) Match“). Besser niemanden drauf ansprechen. Und dazu ist es noch unglaublich warm. Zum Glück gibt es im Zimmer einen Ventilator, so dass sich die Luft mindestens bewegt.
Da heute „Ruhe“tag ist, stelle ich den Wecker leiser. Ich brauche ihn sowieso nur, um zu wissen, wann ich aufstehen darf, um Frühstück zu bekommen. Wach bin ich sowieso schon immer. Und meist auch voller Tatendrang.
Für heute habe ich mir die Stockflue (1136 m) vorgenommen - einen markanten Felsen des Urmibergs (einem Ausläufer der Rigi), der auch Duume (Daumen) genannt wird. Beim Recherchieren des Ziels lese ich, dass dieser über einen Alpinweg (blaue Beschilderung) in 1,5 Stunden über den Bützi erreicht werden kann. Schwierigkeit ist T5 und Kletterstellen im II. Grad. Das mag spannend sein und Wege dieser Einstufung habe ich auch schon gemacht, aber in diesem Leben ist Schluss damit! ABER es gibt auch einen Hauptweg, über den man in 10 Minuten (angeblich gut gesichertetem) Alpinweg vom Timpel - dort ist sogar eine Bahnstation - aufsteigen kann. Ein paar Bilder und eine Beschreibung im Internet sehen vielversprechend aus.
Das Frühstück im Hotel ist inhaltlich in Ordnung. Ich kann es im Freien einnehmen. Die COVID-bedingte Organisation drinnen ist ein Witz. Man spielt quasi Rundlauf um einen Tisch und in der hintersten Ecke ist die Kaffeemaschine. Solange nur eine Person da ist, funktioniert das prima - ansonsten bilden sich Warteschlangen. Gerne auch ganz ohne Abstand. Für morgen muss ich mir da was einfallen lassen.
Ich leere meinem Rucksack (fast) komplett und nehme mir zwei Liter Wasser mit, denn es wird keine Brunnen geben. Und sicherheitshalber einen Pulli - das habe ich als Kind mal gelernt. Im Coop besorge mich mir noch etwas Obst und schon geht es los.
Ich wandere durch Wohngebiete aus Brunnen heraus und kann die Stockflue schon deutlich sehen. Heute sehe ich auch das Gipfelkreuz. Ein Bergwanderweg führt nun hinauf zum Timpel. Über steile Stufen im Wald geht es - und auch schattenlos über Pfade auf Steilwiesen. Es macht richtig Spaß, Schritt für Schritt dem Ziel näher zu kommen. Natürlich ist es auch heiß und anstrengend, so dass die Brühe von der Stirn läuft. Überall sonst auch. Die Kabinenbahn ist auch in Betrieb - mein Weg quert auch ihren Verlauf. In weniger als zwei Stunden ist Timpel erreicht. Den Weg -vielleicht 10 Minuten- zur fast gleich hohen Bergstation in Obertimpel spare ich mir, da ich genügend Wasser habe und wende mich nach einer längeren Trinkpause und etwas Durchatmen nun dem blauen Alpinweg zur Stockflue zu. Ich will ja nicht schon atemlos einsteigen. Nach 5 Minuten kreuze ich nochmal einen Weg. Bisher noch nichts spannendes. Dann ein kurzer Abstieg und schon stehe ich vor dem Felsblock. Da will ich also rauf? Bisher habe ich noch keine Menschenseele gesehen. Also los!
Nach ein paar Stufen, bei denen ich die Hände verwenden muss, erreiche ich eine kurze Leiter. Der Ausstieg ist problemlos - die Leiter an sich sowieso. Nun sehe ich die Schlüsselstelle. Ein Felsband, welches sich hinaufzieht und auch abgesichert ist. Blöd ist nur, dass eine Stelle nicht besonders hoch ist und ich einen Rucksack aufhabe. Ich muss mich schon ganz schön dicht an den Felsen schmiegen, damit ich raufkomme. Und dann ist es auch schon vollbracht!
Ein unglaublicher Rundblick! Wow! Ich bin sprachlos!
Ich mache Gipfelfotos - und vergesse, wie mir jetzt beim Schreiben des Berichts einfällt - mich im Gipfelbuch zu verewigen. Mist!
Der Abstieg ist ja meist heikler als der Aufstieg - und vorsichtig will ich ja auch sein. Ich bastele mich gerade durch die Schlüsselstelle und kämpfe mit dem Rucksack, denn beim Abstieg schiebt sich dieser nach oben, sobald er irgendwo dagegen stößt und wirkt somit wie ein Klemmkeil, als ich Stimmen höre. Na prima! Ich rufe dem Paar zu, sie mögen sich noch einen Moment gedulden, versuche ruhig zu bleiben und mühe mich weiter ab. Gleich drauf habe ich es geschafft und die kritischen zwei Tritte hinter mich gebracht, ohne dass der Rucksack steckenbleibt (die daran befestigten Stöcke sind nicht extrem hilfreich) und ohne dass ich mir ein Bein irgendwie blockiere.
Großer Vorteil ist, dass ich nun ein paar Bilder und ein kurzes Video machen kann, wie der Weg verläuft und wie man dort hochgeht. Die beiden machen das schon recht gut. (Hinweis: Da ich kein Recht am Bild habe, entferne ich dieses auf Anfrage gerne)
Nachdem nun der Höhepunkt des Tages geschafft ist, mache ich Pause und stärke mich, als ich wieder zurück auf dem normalen Weg bin. Ich starte den Abstieg ins Tal ein paar Minuten nachdem auch das andere Paar vorbeigegangen ist. Unschön geht es erst über einen grob geschotterten und mit Steinen durchsetzten Fahrweg hinab, der sich bald in eine Teerstrasse wandelt. Na Prima! Ich hole die anderen immer mehr auf und bemerke wie sie die Straße plötzlich verlassen. Oh - da ist tatsächlich eine Markierung. Ob ich die gesehen hätte? Vielleicht. Nun sind wir auf einem Wurzelpfad und der Untergrund wird weicher. Als wir wieder auf ein Strässchen kommen, habe ich komplett aufgeholt. Ich spreche sie an, da ich neugierig bin, ob sie den gesamten Alpinweg-Aufstieg von unten gegangen seien. Sie verneinen und die Frau meint, dieser sei ganz schön hart, sie wäre das vor ein paar Jahren mal im Abstieg hinunter. So durchtrainiert wie sie aussieht, glaube ich ihr das gerne. Nein - heute seien sie mit der Bahn zum Timpel hochgefahren....(sie erzählt etwas von einer Tour am Vortag, aber das sagt mir nichts). Und sie erkennen mich auch wieder, denn sie hatte mich aus der Bahn wohl beobachtet. Das erklärt mir auch, warum sie einerseits so entspannt ankamen und andererseits komplett ohne Rucksack und nur mit einem kleinen Wasserfläschchen ausgestattet sind.
Ich bedanke und verabschiede mich und „lasse es laufen“. Es folgt noch ein schönes Stück auf einem felsdurchsetzten Waldweg - quasi meine Lieblingswege - und im Abschluss natürlich Teerstrasse.
Der Abstieg ging mächtig in die Oberschenkel (und z.T. die Knie).
Insgesamt merke ich leider, dass meine Trittsicherheit schon deutlich gegenüber früher nachgelassen hat. Und auf Alpinwegen bin ich ein echter „Schisser“ geworden. Leider übt sich das nur durch Übung - und dafür muss man in die Berge. Im Taunus lebend wird es mit (max.) einer Alpenwoche im Jahr schwierig, diesen Prozess zu stoppen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich, wenn ich diese oder ähnliche Touren 3-4 Wochen täglich absolvieren würde, auch wieder ganz anders durch‘s Gelände springen könnte.
In Brunnen besorge ich mir einen leckeren Salat und ziehe mich in meine Dunkelkammer mit Ventilator zurück.
Und dann folgt der Mittagsschlaf! Wunderbar! Das war ein super Ruhetag!
Und als am Abend die Sonne weg ist, lasse ich den Tag auf dem Balkon ausklingen.

Länge Auf Ab
9.9 km 688 Hm 690 Hm

 

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Stans, 16.06.2021

Der gestrige Abend wurde noch „lustig“. Die ganze Zeit hatte es im Bad schon so seltsam gegluckert… - irgendwann möchte ich mir mal die Hände waschen und stelle fest, dass nur heißes Wasser kommt. Seltsam. Ich warte ab - und versuche es nach einer Viertelstunde nochmal. Jetzt kommt kaltes Wasser mit viel Lufteinschlüssen und dafür braun. Hmmm. Scheint also jemand was zu reparieren. Ich lese weiter und versuche es später nochmal. Nun plötzlich kaltes, klares Wasser. Prima, denke ich. Und wie ich so da stehe, gluckert es wieder und aus dem Abfluss der neuen, stylisch flachen Duschtasse steigt Wasser. Oh….
Naja - Zimmer 13 - kann ja schon mal vorkommen. Ich beobachte das und binnen kürzester Zeit steigt das Wasser so weit, dass es aus der Dusche läuft. (Ist ja bei den Flachduschen nur so etwa 1 cm Gefälle/Rand. Und der hat mich beim Duschen schon nicht begeistert. So kann das nicht weitergehen. Ich versuche, es mit einem Handtuch etwas abzudichten und gehe zur Rezeption. Es ist so etwa halb elf und ich wollte eigentlich schlafen gehen. Die Rezeption ist geschlossen. Ich gehe zur Cocktail-Bar im gleichen Haus und frage, ok jemand Bescheid weiß. Die Barkeeperin mit magentafarbenen Haaren (kann auch pink sein) nimmt sich meiner an, greift zum Telefon und verschwindet. Sie kann zwar den richtigen Chef nicht erreichen, aber ich bekomme jetzt ein anderes Zimmer im nicht renovierten Trakt. Als sie mir das Zimmer zeigt, erfahre ich en-passant, dass es gestern einen Wasserrohrbruch gegeben hat und auch gerade eben erst einen Rohrbruch mit dem Frischwasser. Beim Rückweg nehmen wir eine Abkürzung und ich sehe, wie das Wasser - nur mittels Plastikplane gefasst - aus der Decke läuft und in großen Müllcontainern aufgefangen wird. Was ein Glück gehört mir der Schuppen nicht und ich kann morgen wieder verschwinden. So ziehe ich mit Sack und Pack um und bin kurz vor Mitternacht im neuen Bett. (Den angeboten Drink auf‘s Haus in der Bar lasse ich ausfallen. Dafür, dass sie nicht wirklich zum Hotel gehört, hat „Magentafrisur“ das echt gut gemanagt).
Das war eine echt heiße Nacht! Ich wache völlig nassgeschwitzt auf. Da ich keinerlei Hunger verspüre, mache ich mich nach etwas Morgengymnastik und einer kalten Dusche gleich auf den Weg. Die Frau an der Rezeption tut mir leid. Sie weiß zwar über das Zimmer Bescheid, konnte es sich aber noch nicht anschauen, da sie alleine ist. Dafür ist sie sehr nett, bietet mir Kaffee und etwas zum Frühstücken an, aber ich lehne ab. Einen Apfel nehme ich dann gerne mit. Ich will jetzt los!
Selbst jetzt um kurz nach acht hat es schon 20 Grad. Am Kollegium St. Fidelis vorbei verlasse ich den Ort. Da ich nach Osten laufe, kann ich dank strahlender Sonne nur Berg-Silhouetten erkennen.
Ich überquere den Fluss Engelberger Aa (nicht über den Namen nachdenken!) der in den Vierwaldstädtersee fliesst und schwitze mich schattenlos und steil einen Hügel hinauf. Am Bauernhof auf dem Gipfel ein Hinweis auf eine Toilette, dem ich gleich mal folge. Wie prima ist das denn!! Da eröffnet jemand einfach mal so eine Toilette am Jakobsweg mit allem Drum und Dran (Seife, Hygieneprodukte, Gästebuch). Für mich war das frische Wasser das Kriterium. (Und das Danke-Schwein habe ich auch mit Fränkli gefüttert).
Beim Chäpellisitz steht eine von außen unscheinbare - von innen unerwartet hübsche Kapelle, die im Jahre 1920/21 wegen einer ausgebliebenen Viehseuche von den Viehbesitzern gespendet wurde. Heute führen ausbleibende Katastrophen zu vielem. Aber zu Dankbarkeit? Bei einigen vielleicht.
Sanft senkt sich die Straße nach Ennerberg und weiter nach Buochs. Vereinzelt bimmeln Kühe, hin und wieder kommt ein Auto, selten startet ein kleines Flugzeug. Schön!
An der Kirche mache ich mit schönem Blick über den Ort im Schatten Frühstückspause. Da ich letzte Nacht doch keinen Kühlschrank hatte, ist aus dem Weichkäse ein Sehr-Weich-Käse geworden. Zum Käsefondue ist es nicht mehr weit. Schmeckt aber immer noch!
Ich erreiche den See und als ich ihn nach einer Weile verlasse und zur barocken Pilgerkapelle Beckenried komme, wandere ich immer noch auf Teerstrasse. Das wird heute wieder hart für die Füße. Zum Glück gibt es immer mal wieder einen Brunnen oder WC, wo ich trinken und meinen Hut wässern kann. Es ist so heiß!
In Beckenried hat gerade das Schiff (jetzt sind die auch schon dreistöckig - ich hatte sie kleiner in Erinnerung) angelegt und speit Touris aus. Zum Glück keine Aida, aber es reicht auch so.
Weiter geht es auf der Uferstraße - die inzwischen sichtbaren Mythen fest im Blick. Davor liegt Schwyz und auch Brunnen, wo ich heute Abend zu übernachten gedenke.
In Rütenen (am See) ist Schluss mit lustig. Unter der Autobahn hindurch will nun der Hügel steil als Bergwanderweg erklommen werden. Immerhin 330 Hm bis in das Dorf dort oben. Also: Kopf aus - Füsse an! Über viele Stufen führt der Weg meist schattig nach oben. Ich komme gut voran und bin schon nach knapp 40 (statt markierten 55) Minuten in Emmetten. Zum Glück hatte ich Wasser dabei. Bin dennoch sehr erhitzt. Nach einem tollen Brunnen mit wahlweise Quell- oder Leitungswasser (in den ich mich aus Versehen mit dem Allerwertesten reinsetze) geht es schon gleich wieder besser! Ich mache vor dem Volg Mittagspause und nach einer guten Portion Hummus mit Brötchen geht es wieder richtig gut. Der Ausblick auf den Vierwaldstädtersee beim Aufstieg war einmalig.
Nachdem ich Emmetten verlassen habe, folgt ein Weglein, bei dem mir das Herz aufgeht. Es ist schmal, steinig und zieht sich in stetem auf und ab im Wald unterhalb der Felswand des Stützberg entlang. Immer wieder komme ich an Aussichtspunkte, von denen ich den See und die Bergwelt bestaunen kann. Dieses Stück Weg ist das Sahneschnittchen der letzten Tage. Einfach ein Traum!
Das letzte Stück von Seelisberg (übrigens Kanton Uri) nach Treib verläuft eigentlich unspektakulär über (Weide-)Wiesen nach unten. Wäre da nicht dieses eine verflixte Gatter, welches nicht aufgehen möchte. Ich habe echt viel Erfahrung mit schweizer Weidegattern in verschiedenster Ausführung. Doch dieses Ding geht nicht auf. Ich rüttele - versuche zu schieben, weil ich Rollen sehen. Mal nach links - mal nach rechts. Es tut sich nichts. Ich verbringe ungelogen mehrere Minuten mit diesem Tor - checke auch nochmal, ob ich auf dem richtigen Weg bin - hoffnungslos! Gerade überlege ich, ob ich lieber über den Elektrozaun steigen soll - oder doch über das Gatter, welches auch nicht so super-fest steht, dass ich darüberklettern könnte, geschieht das Wunder. In einer Hebe-Kipp-Schieb-Bewegung entriegelt sich das Tor und lässt sich zur Seite schieben. Ich komme mir etwas blöd vor und bin doch happy.
In Treib an der Bootsanlegestelle ist die Etappe - und damit die ViaJacobi in West-Ost-Richtung für mich beendet. Dies sogar etwas früher, als ich ursprünglich erwartet hatte, denn Komoot hat mir gut zwei Kilometer für die Schifffahrt eingeplant. In meinen Tracks werden aber nur Strecken gezählt, die ich selbst gelaufen bin.
Es folgt nun die wunderbare, siebenminütige Schifffahrt nach Brunnen (im Kanton Schwyz), für die ich mir sogar das 1.Klasse-Ticket gegönnt habe, um auf das Oberdeck zu können.
Ich checke im direkt am See liegenden Hotel „Schmid & Alfa“ mit Seeblick und Balkon ein. Im Moment herrscht auf dem Balkon zwar Bullenhitze, so dass man nicht drauf kann. Mal abwarten!
Nachdem ich geduscht und meine Sachen gewaschen habe, suche ich mir ein kaltes Bier und einen Salat im Coop und gebratenes Gemüse vom Chinesen und setze mich damit auf den Balkon.
Wie ich dort so sitze und an meinem Bericht schreibe, tritt an der etwa 50 Meter entfernten Anlegestelle eine zehnköpfige Alphornbläser-Gruppe mit Fahnenschwinger auf. Schöner kann ein Tag doch gar nicht enden?

Morgen ist übrigens „Ruhetag“ und am Samstag geht es dann von Kreuzlingen auf dem E1, der bis Brunnen auf der ViaJacobi verläuft, weiter.

 

Länge Auf Ab
24 km 663 Hm 669 Hm

 

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Flüeli-Ranft, 15.06.2021

Die Nacht war verhältnismäßig ruhig und ich habe gut geschlafen. Ich gehe zum Frühstück also wieder hinüber zum Jugendstil-Hotel. Heute unter dem Motto „Digital Detox“, weshalb es auch keine Fotos vom guten Buffet (incl. Alpenbutter-Spender) und der herausragenden Aussicht vom Wintergarten gibt. Ich finde, „Digital Detox“ klingt sehr viel besser, als „iPhone im Zimmer vergessen“. (Ob das Nachwirkungen des Dachbalkens sind?)
Die Leute sind hier entweder chic angezogen oder mit stylischen Outdoor-Outfits ausgestattet. Ich fühle mich mit meinem zweckmäßigen (aber unlängst gewaschenen) roten Merino-Shirt und den blauen Crocs ein wenig wie ein bunter Hund. Beim Warten auf mein Frühstücksei, das man hier selbst kochen darf, spricht mich eine Frau an, ob ich denn auf dem Jakobsweg unterwegs sei. Sie habe das auch schon gemacht,....... Obwohl sie mit ihrem Mann unterwegs ist, scheint sie einen noch größeren Redebedarf zu haben, als ich. Zum Glück ist so ein Ei auch mal fertig.
Apropos Eier. Ich weiß nicht, wie oft ich in Hotels schon „schlechte“ weiche Eier hatte - nämlich immer zu hart. Hier darf man sich selbst versuchen - das wird dann erfahrungsgemäß auch nichts, aber immerhin ist man selbst dafür verantwortlich. So perfekt, wie meine Frau die Eier zur Hause kocht, habe ich das im Hotel noch nie erlebt.
Bis ich gepackt habe, ist es fast neun Uhr.
Der Weg führt hinab in die steil eingeschnittene Ranft-Schlucht, wohin sich Bruder Klaus in seine Einsiedelei und seine Kapelle zurückgezogen hat. (Die Ranft-Schlucht ist nur ein kurzes Teilstück des durch die „Grosse Melchaa“ gebildeten Melch-Tals.) Hier unten lenkt zumindest die Aussicht nicht von der Konzentration auf „das Wesentliche“ ab. Nachvollziehbar ein idealer Ort für Ruhe, Reflexion und Gebet. Insgesamt ist Bruder Klaus eine Person, mir der man sich gerne mal etwas beschäftigen kann. (Auch die politischen Aspekte seines Wirkens.)
Wo es steil runter geht, geht es meist steil auf der anderen Seite (zum Glück noch im Schatten) wieder hinauf. Ein grandioser Blick auf Flüeli-Ranft und das Pilatus-Massiv bietet sich. Mir war gar nicht gewusst, dass der Pilatus kein einzelner Berg ist, sondern ein Bergmassiv mit mehren Gipfeln. Der höchste Gipfel ist das Tomlishorn. Der Gipfel, im dessen Nähe man mit der Bergbahn herauskommt, ist nämlich zehn Meter niedriger und heißt „Esel“ (welch treffender Name). Deshalb nennt man ihn dann wohl auch „Pilatus Kulm“. Das muss auch schön sein, dort oben!
Nun also hinauf zur Kapelle nach St. Niklausen mit dem alten Turm, die sich jedoch aufgrund des Sonnenstands nicht fotografieren lässt. Nach einer Stunde bin ich nun also doch schon zweieinhalb Kilometer weit gekommen! Nun habe aber bereits die kulturellen Höhepunkte des Tages gesehen.
Jetzt also mal wandern!
Überall auf den Wiesen wird Heu gemacht. Dieser Geruch - auch wenn man an einem frisch gefüllten Heuschober vorbeikommt - sooo unverwechselbar angenehm.
Beim hässlichen Betonklotz des Kloster Bethanien, an dem ich dicht vorbeiwandere, blicke ich gerne nochmal zurück auf den Sarnersee und die weißen Berggipfel.
Eine Bank mit seltsamen Inschriften gibt mir Rätsel auf - später sehe ich noch eine ähnliche. Ist das ein Sprachkurs? Sachdienliche Hinweise für die drei linken Begriffe nehme ich gerne entgegen.
Bald darauf öffnet sich vor mir der Blick und ich kann wunderbar das Stanserhorn und den Alpnachersee vor mir liegen sehen. Der Vierwaldstädtersee versteckt sich noch um die Ecke.
Als ich mal wieder an einem Brunnen stehe und trinke, kommt eine schweizer Pilgerin dazu. Wir kommen ins Gespräch. Da sie einen netten Eindruck macht erkundige ich mich nach ihrer Planung. Sie möchte noch nach bis Genf und bucht immer nur für den aktuellen oder maximal nächsten Tag, hat nur einen Hüttenschlafsack dabei, und gerade dieses Jahr überhaupt keine Probleme. Die „ganzen Deutschen“ fehlen nämlich wegen COVID. Sie übernachtet in privaten Unterkünften, die auf der schweizer Pilgerwebsite genannt sind, oder in B&B oder eben auch in Pilgerunterkünften. Auch vor drei Jahren ging das nach diesem Verfahren problemlos, auch wenn es deutlich voller war. Sehr interessant!
In St. Jakob erreiche ich den Kanton Nidwalden. Ganz in der Nähe der Kirche (Wasser!) finde ich einen schönen, schattigen Platz und mache Mittagspause.
Als ich den letzten Hügel bei Murmatt besteige, ist es soweit. Hergiswil, Stans und der Vierwaldstädtersee liegen vor mir. Natürlich sehe ich auch die riesige Schweizfahne am Rigi bei Vitznau, die nun im 21. Jahr hängt. Selbst den Großen Mythen kann ich in der Ferne gut erkennen. Ein Gipfel mit schönen Erinnerungen und dazu noch ein guter Orientierungspunkt!
Wie ich so weiter wandere, höre ich beim Näherkommen an einem Steilhang ohrenbetäubenden Lärm. Drei Männer mir Benzin-Laubbläsern blasen das Heu den Hang hinunter. Das ist vermutlich einfacher/besser als zu rechen - verblüfft mich auf den ersten Blick aber doch. Immerhin trägt der jüngste von ihnen Lärmschutz-Mickeymäuse. Die anderen haben wahrscheinlich noch nie etwas von Arbeitsschutz gehört. Mir klingeln schon nach der kurzen Zeit des Vorbeigehens die Ohren!
Nun ist es nicht mehr weit - ich sehe grade noch einen Wagen der historischen Stans-Standseibahn, die bis zur Station „Kälti“ fährt (ab dort die topmoderne Cabrio-Gondelbahn) - und schon bin ich im Dorf. Das Hotel Stanserhof befindet sich unweit der Talstation. Ich checke ein, bekomme ein frisch renoviertes Zimmer (mit dem bisher langsamsten Internet mit 6 Mbit), dusche mich und wasche die Wäsche und gehe dann nochmal auf eine Dorfbesichtigungs-Runde, die ich mit dem nötigen Einkauf kombiniere. Morgen möchte ich etwas früher los, da am Abend die Schifffahrt nach Brunnen ansteht.

 

Länge Auf Ab
17.6 km 350 Hm 626 Hm

 

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